Hitze und Psyche

Hitze und Psyche - Wie hohe Temperaturen die psychische Gesundheit beeinflussen

 

Hitze wirkt sich nicht nur auf den Körper aus. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass hohe Temperaturen auch die Psyche beeinflussen können. Stimmung, Stressverarbeitung, Konzentration und emotionale Stabilität können sich unter Hitze verändern. Vor dem Hintergrund des Klimawandels und der damit verbundenen Zunahme von Hitzetagen und Hitzewellen rückt dieses Thema zunehmend in den Fokus der Forschung und der psychotherapeutischen Versorgung.

26.06.2026 - M. Sc. F. Weyrauch


WIE HITZE AUF DAS GEHIRN WIRKT 

 

Das Gehirn ist auf stabile Bedingungen angewiesen, um optimal arbeiten zu können. Hohe Temperaturen belasten den gesamten Organismus und können dadurch auch die Funktion des Gehirns vorübergehend beeinträchtigen. Der Körper muss bei Hitze viel Energie aufwenden, um seine Kerntemperatur konstant zu halten. Gleichzeitig wird auch das Herz-Kreislauf-System stärker beansprucht. Da das Gehirn kontinuierlich mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden muss, können sich diese zusätzlichen Belastungen auf die geistige Leistungsfähigkeit auswirken.

 

Viele Menschen bemerken an heißen Tagen deshalb, dass sie sich schlechter konzentrieren können, langsamer denken und schneller ermüden. Auch Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Entscheidungsfähigkeit können vorübergehend eingeschränkt sein.

 

Die genauen biologischen Mechanismen werden derzeit noch erforscht. Wissenschaftler:innen vermuten unter anderem, dass hohe Temperaturen die Kommunikation zwischen Nervenzellen beeinträchtigen und Entzündungsprozesse im Gehirn begünstigen können. Auch eine vorübergehende Beeinträchtigung der Blut-Hirn-Schranke wird diskutiert. 


WARUM HITZE DIE PSYCHE BEEINFLUSST

 

Hitze belastet nicht nur den Körper, sondern wirkt auch als körperlicher Stressfaktor. Hält sie über mehrere Tage an und kühlt es nachts nicht ausreichend ab, kann sich der Organismus schlechter erholen. Ein wesentlicher Faktor ist dabei der Schlaf. Hohe Temperaturen erschweren häufig das Ein- und Durchschlafen, sodass der Schlaf weniger erholsam ist. Bereits wenige Nächte mit Schlafmangel können die emotionale Stabilität beeinträchtigen und dazu führen, dass Menschen sich schneller erschöpft, gereizt oder weniger belastbar fühlen.

 

Viele Menschen berichten während Hitzeperioden über Müdigkeit, innere Unruhe, Reizbarkeit und eine geringere Stressresistenz. Zudem kann Hitze die Emotionsregulation beeinträchtigen. Der Umgang mit starken Gefühlen fällt dann schwerer, sodass impulsive Reaktionen oder zwischenmenschliche Konflikte häufiger auftreten können.


AB WANN IST HITZE GEFÄHRLICH?

 

Hitze wird gefährlich, wenn bestimmte Temperaturbereiche und Bedingungen überschritten werden. Neben der tatsächlichen Temperatur sind auch die gefühlte Temperatur sowie die nächtliche Abkühlung entscheidend.

 

Von einer erhöhten Wärmebelastung wird gesprochen, wenn folgende Bedingungen vorliegen:

  • gefühlte Temperatur am frühen Nachmittag ab etwa 32 Grad Celsius
  • extreme Wärmebelastung ab etwa 38 Grad Celsius
  • unzureichende nächtliche Abkühlung, sodass sich der Körper nicht ausreichend erholen kann

Eine erhöhte Wärmebelastung bedeutet nicht automatisch eine akute Gefahr. Sie zeigt jedoch, dass der Körper bereits deutlich stärker arbeiten muss, um die Temperatur zu regulieren. Dadurch steigt das Risiko gesundheitlicher Beschwerden, insbesondere bei längerer Dauer oder zusätzlichen Belastungsfaktoren.

 

Von einer Hitzewelle spricht man, wenn über mehrere Tage hinweg Temperaturen von etwa 28 °C oder mehr auftreten. Besonders belastend ist, wenn die Temperaturen nachts nicht unter etwa 20 °C sinken (Tropennächte), da sich Körper und Gehirn dann schlechter erholen können.

 


HITZE UND PSYCHISCHE ERKRANKUNGEN

 

Bei Menschen mit bestimmten psychischen Erkrankungen kann Hitze eine zusätzliche Belastung darstellen. 

 

Bei einer Depression wird in Studien ein Zusammenhang zwischen Hitzeperioden und verstärkten Schlafstörungen, Erschöpfung sowie einer vorübergehenden Zunahme depressiver Symptome beschrieben. 

 

Für Betroffene einer Bipolaren Störung deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass extreme Temperaturen mit einer erhöhten Stimmungslabilität und einem höheren Risiko für Episoden in beide Richtungen verbunden sein können. 

 

Auch bei Angststörungen kann Hitze körperliche Stressreaktionen verstärken, etwa Herzklopfen, Atembeschleunigung oder Schwindel. Diese körperlichen Veränderungen werden dann unter Umständen als bedrohlich oder „katastrophal“ interpretiert, was wiederum die Angstreaktion verstärken kann. 

 

Bei Menschen mit einer Schizophrenie ist aus Studien bekannt, dass sowohl die gestörte Thermoregulation als auch mögliche Nebenwirkungen antipsychotischer Medikation die Hitzetoleranz reduzieren können. 

 

Im Zusammenhang mit Demenz zeigen epidemiologische Daten eine erhöhte Anfälligkeit für hitzebedingte Gesundheitsprobleme, unter anderem aufgrund eingeschränkter Körperwahrnehmung und reduzierter Selbstfürsorge.


SUIZIDALIÄT UND HITZE

Studien zeigen einen statistischen Zusammenhang zwischen steigenden Umgebungstemperaturen und einer Zunahme suizidaler Krisen. Dieser Zusammenhang ist komplex und lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Diskutiert wird ein Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. 

 

Wichtig ist, diesen Zusammenhang richtig einzuordnen: Die Studien zeigen einen statistischen Zusammenhang, nicht jedoch, dass Hitze bei einer einzelnen Person unmittelbar eine suizidale Krise auslöst. Vielmehr kann Hitze für manche Betroffene einen zusätzlichen Belastungsfaktor darstellen, insbesondere wenn bereits eine psychische Erkrankung oder andere Belastungen bestehen.

 

Sollten Sie suizidale Gedanken haben oder bemerken, dass sich diese verstärken, sprechen Sie möglichst zeitnah mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem Psychotherapeuten. Auch das Gespräch mit einer vertrauten Person kann entlastend sein und unterstützend wirken, ersetzt jedoch keine fachliche Einschätzung.

 

Ist ein zeitnaher Kontakt nicht möglich oder wünschen Sie zunächst eine anonyme Beratung, können Sie sich an die TelefonSeelsorge oder einen regionalen Krisendienst wenden. Diese Angebote sind rund um die Uhr erreichbar und bieten die Möglichkeit, die aktuelle Situation einzuordnen und gemeinsam weitere Schritte zu besprechen.

 

Bei einer akuten psychischen Krise können Sie jederzeit die Notaufnahme des nächstgelegenen Krankenhauses oder eine psychiatrische Notaufnahme aufsuchen. Dort erfolgt eine erste medizinische und psychiatrische Einschätzung sowie die Unterstützung bei der Stabilisierung in der akuten Situation.


PSYCHOPHARMAKA UND HITZE

 

Bestimmte Medikamente können die Hitzetoleranz des Körpers verringern oder die Temperaturregulation beeinflussen. Dazu zählen unter anderem Antidepressiva, Antipsychotika, Benzodiazepine sowie weitere zentral wirksame Medikamente.

 

Mögliche Effekte sind:

  • veränderte Schweißproduktion
  • eingeschränktes Durstgefühl
  • gestörte Thermoregulation
  • verstärkte Nebenwirkungen (z.B. Schwindel)

Bei Hitzephasen ist es sinnvoll, Rücksprache mit Ihrer behandelnden Ärztin bzw. Ihrem behandelnden Arzt zu halten. 


PSYCHISCHE GESUNDHEIT BEI HITZE: SO KÖNNEN SIE SICH SCHÜTZEN

 

Für die meisten Menschen gelten bei hohen Temperaturen einfache Maßnahmen, die sowohl körperlich als auch psychisch entlastend wirken können:

  • ausreichend trinken (vorzugsweise Wasser oder ungesüßte Getränke)
  • leichte, luftige Kleidung tragen
  • direkte Sonne möglichst meiden
  • körperliche Anstrengung und intensiven Sport reduzieren
  • Wohnräume möglichst kühl halten (z. B. morgens und abends lüften, tagsüber abdunkeln)

Diese Maßnahmen können dazu beitragen, Belastungen durch Hitze zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden stabiler zu halten.

 

In Einzelfällen kann es sinnvoll sein, das Thema Hitze und mögliche individuelle Auswirkungen im Vorfeld mit der behandelnden Ärztin oder dem Psychotherapeuten zu besprechen – insbesondere, wenn regelmäßig Medikamente eingenommen werden oder bereits Erfahrungen mit Hitzeempfindlichkeit bestehen.

Wenn Sie Fragen dazu haben oder merken, dass Hitze Sie psychisch stärker belastet, sprechen Sie uns gerne an. 

 

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